Am 7. März 2026 habe ich in Dresden bei der Veranstaltung „Feminismus – Jetzt erst recht“ von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen anlässlich des Internationalen Frauentages über Macht, Gleichstellung und feministische Politik gesprochen.
Den vollständigen Redemitschnitt gibt es auf YouTube.
Wenn wir über Gleichstellung sprechen, dann sprechen wir im Kern über Macht und über Ressourcen.
Über die Frage:
Wer trifft Entscheidungen?
Wer wird gehört?
Und wer sitzt überhaupt am Tisch, wenn Entscheidungen getroffen werden?
Wenn Ressourcen verteilt werden?
Ich kann sagen: Es gibt immer noch viel zu viele Runden, in denen ich die einzige Frau bin.
In finanzpolitischen Gesprächen bin ich oftmals die einzige Frau. Der Rest sind Männer.
In Verhandlungsrunden bin ich oftmals die einzige Frau. Der Rest sind Männer.
Wie argumentieren diese Männer?
Sie sind der Meinung, wenn sie so laut sprechen, dass die Gläser auf dem Tisch scheppern, dann haben sie Recht.
Das ist keine Argumentation und deswegen ermuntere ich immer Frauen, die überlegen kommunalpolitisch aktiv zu werden, keine Scheu davor zu haben, Finanzpolitik zu machen.
Die Verteilung von Ressourcen ist auch für andere Politikfelder entscheidend.
Wenn Frauen dort fehlen, wenn unsere Perspektiven dort fehlen, dann entscheiden Männer.
Wo wir nicht mitentscheiden, wo wir unsere Stimmen nicht hörbar und sichtbar machen, da fehlen wir.
Und ja – das macht einen Unterschied, ob Frauen am Tisch sitzen und ihre Perspektiven einbringen. Insbesondere dort, wo es um die Verteilung von Ressourcen geht.
Nicht nur, weil Perspektiven fehlen. Sondern auch, weil Frauen anders bewertet werden.
Es sind diese Double Standards, doppelte Maßstäbe: Was für die Männer gilt, gilt für die Frauen anders.
Was meine ich damit?
Wenn Männer hart verhandeln, gelten sie als durchsetzungsstark.
Wenn Frauen hart verhandeln, gelten sie schnell als schwierig.
Wenn Männer sich durchsetzen, ist das Führung.
Wenn Frauen sich durchsetzen, ist das oft verdächtig.
Diese doppelten Maßstäbe sind kein individuelles Problem. Sie sind Ausdruck einer ungleichen Machtverteilung. Sie ist strukturell und gehört gebrochen.
Und genau deshalb ist Gleichstellung weder eine reine Frauensache noch eine Nischenfrage. Sie ist eine Demokratiefrage. Das hat die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth einmal sehr treffend formuliert: „Gleichberechtigung von Frauen ist keine Frauenfrage – sie ist eine Frage der Demokratie.“
Diese Erkenntnis ist insbesondere bei Bündnis 90/Die Grünen nicht wirklich neu.
Als 1983 erstmals die Grünen in den Bundestag einzogen, brachten sie etwas mit, das damals politisch revolutionär war, nicht nur revolutionär, sondern für manche sogar anstößig und für viele Männer zutiefst verwirrend: Feministische Politik als Strukturprinzip. Frauen wie Petra Kelly, Antje Vollmer, Waltraud Schoppe oder Christa Nickels haben damals etwas ausgesprochen, das bis heute gilt: „Das Private ist politisch.“
Das bedeutete:
Die Erfahrungen von Frauen – in Familien, in Beziehungen, in Arztpraxen, im Berufsleben – sind nicht einfach individuelle Probleme.
Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheitsstrukturen.
Wenn Frauen weniger verdienen – ist das politisch.
Altersarmut ist weiblich – und das ist verdammt nochmal politisch.
Wenn Frauen den Großteil der Sorgearbeit leisten – ist das politisch.
Wenn Frauen Gewalt erleben – ist das politisch.
Diese Perspektive hat damals die Politik verändert und sie hat die Gesellschaft verändert. Und sie ist aktueller denn je.
Denn schauen wir auf die Realität:
Frauen verdienen im Durchschnitt weiterhin weniger als Männer – der Gender Pay Gap ist Realität.
Gleichzeitig leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit – der Care Gap ist Realität.
Und trotzdem hören wir immer wieder die Erzählung, Frauen würden sich freiwillig für Teilzeit entscheiden. Als eine Art Lifestyle.
Aber diese Erzählung blendet strukturelle Realität aus. Natürlich tut sie das, weil es insbesondere Männer sind, die diese Narrative setzen.
Wer kümmert sich um Kinder, wenn Betreuungsplätze fehlen?
Wer organisiert Pflege von Angehörigen?
Wer reduziert Arbeitszeit, wenn Arbeitszeiten nicht zu Familienrealitäten passen?
Die Antwort kennen wir alle.
Teilzeit ist in vielen Fällen keine Lifestyle-Entscheidung. An dieser Stelle braucht es sehr deutlich immer wieder Wut, Widerstand und Widerspruch.
Die Entscheidung für Teilzeit ist die Folge einer Arbeits- und Sozialordnung, die unbezahlte Sorgearbeit systematisch privatisiert – und damit überwiegend Frauen überlässt.
Auch das ist eine Frage von Macht und Struktur.
Ein Bereich, in dem sich strukturelle Ungleichheit besonders deutlich zeigt, oftmals mit gravierenden Folgen, ist die Medizin.
Viele Frauen kennen die Erfahrung: Man geht zum Arzt, schildert Beschwerden – und wird nicht ernst genommen.
Schmerzen werden relativiert.
Symptome werden als „Stress“ oder „hormonell“ abgetan.
Dieses Phänomen wird inzwischen, da bin ich sehr froh, nicht mehr tabuisiert, sondern als Medical Gaslighting bezeichnet.
Es beschreibt eine medizinische Praxis, in der Beschwerden von Frauen systematisch bagatellisiert oder psychologisiert werden.
Das ist kein Zufall.
Medizinische Forschung hat sich jahrzehntelang überwiegend am männlichen Körper orientiert.
Viele Studien wurden fast ausschließlich mit männlichen Probanden durchgeführt.
Das Ergebnis: Krankheiten werden bei Frauen später erkannt, Symptome werden falsch interpretiert, Therapien wirken anders.
Auch hier gilt: Das ist kein individuelles Problem.
Es ist ein strukturelles Problem.
Ähnlich strukturell ist die Debatte um reproduktive Rechte.
Die Diskussion um „my body, my choice“ zeigt, dass Selbstbestimmung über den eigenen Körper noch immer politisch umkämpft ist. Der weibliche Körper ist nach wie vor objektiviert.
Männer nehmen sich heraus, darüber zu entscheiden, ob Frauen mündig oder unmündig sind, die für sie besten Entscheidungen zu treffen. Mich macht das richtig wütend.
Noch immer ist der Schwangerschaftsabbruch in Deutschland im Strafgesetzbuch geregelt; er ist kriminalisiert.
Noch immer ist der Zugang zu medizinischer Versorgung regional unterschiedlich. Ich komme aus der Oberlausitz. Es macht mich wütend zu sehen, dass am Krankenhaus Ebersbach die Geburtshilfe geschlossen wird. Männer entscheiden, dass die Geburtshilfe geschlossen wird und sagen: „Es sind doch nur 25-30 Minuten nach Zittau.“ Wir haben eigentlich das Recht auf Wahlfreiheit. Jede Frau sollte frei entscheiden können, wie sie ihr Kind zur Welt bringt und wo und unter welcher Betreuung und Begleitung. Man nimmt ihnen diese Rechte. Das ist nicht das Einzige. Es geht nicht nur darum, wo der Kreißsaal ist, ob der hebammengeführt ist, ob es ein Geburtshaus gibt oder eine Hausgeburt. Es geht auch um das Thema: Was erleben Frauen unter der Geburt? Es ist ein tabuisiertes Thema: Gewalt unter der Geburt. Das darf nicht tabuisiert sein, weil es Folgen hat. Nicht nur für die Mutter, sondern für die ganze Familie und auch für das Kind. Ein weiteres Thema ist die Krankschreibung nach Fehlgeburten: tabuisiert.
Wer trägt es? Wir Frauen tragen es.
Und gleichzeitig erleben wir, dass die Debatte um eine weitere Perspektive ergänzt werden muss: den unerfüllten Kinderwunsch, sei es aus sozialen oder biologischen Gründen. Es gibt eine diskriminierende Praxis bei der Förderung von Kinderwunschbehandlungen.
Verheiratete heterosexuelle Paare werden unterstützt, aber nur so lange, bis die Frau 40 wird.
Unverheiratete Paare werden oft nicht unterstützt. Alleinstehende Frauen häufig gar nicht. Lesbische Paare auch oft nicht.
Damit schreibt der Staat ein bestimmtes Familienbild fest – und benachteiligt alle, die nicht hineinpassen.
Reproduktive Rechte bedeuten aber: „Frauen entscheiden über ihren Körper und ihre Lebensentwürfe vollständig allein.“ Es piept mich an, dass Frauen diese Mündigkeit abgesprochen bekommen, dass sie in der Lage sind, die besten Entscheidungen für ihren Körper unter Abwägung für sich zu treffen.
Wenn wir über Macht sprechen, müssen wir auch über gesellschaftliche Entwicklungen sprechen, die mich sehr beunruhigen.
Eine aktuelle Studie zur Generation Z zeigt, dass junge Männer teilweise wieder stärker traditionellen Rollenbildern zustimmen. Aber es sind nicht nur die Männer, auch viele Frauen teilen die Vorstellung: Der Mann verdient das Geld und die Frau kümmert sich um Familie und Haushalt.
Diese Vorstellung erlebt in Teilen ein Comeback.
Das ist kein flächendeckender Trend. Aber es zeigt: Fortschritt ist nicht automatisch. Gesellschaftliche Errungenschaften, die wir sicher glaubten, werden angegriffen. Sie können auch wieder zurückgedreht werden. Deshalb ist feministische Politik kein abgeschlossenes Kapitel. Sie bleibt eine Aufgabe. Und im Moment braucht sie Allianzen, die mehr tun als Sharepics zu teilen. Ein echter Frauenstreik, keine 5 Minuten Stilllegen, sondern einfach aufhören, diese Welt am Drehen zu halten, einfach den Mental Load komplett abgeben, und zuzusehen, wie das alles ins Stolpern kommt: das wäre was.
Und wir sehen weltweit, wie eng Macht, Geld und patriarchale Strukturen miteinander verwoben sein können.
Die Diskussionen um die Netzwerke rund um Jeffrey Epstein haben noch einmal sichtbar gemacht, wie lange Gewalt und Ausbeutung übersehen – bewusst ignoriert, bagatellisiert und verniedlicht – werden, wenn mächtige Männer beteiligt sind. Wie lange Betroffene nicht gehört werden. Und wie stark die Mechanismen sind, die Täter schützen.
Ein anderer Fall hat uns in Europa in den letzten Monaten besonders erschüttert: der Prozess rund um die jahrelangen Vergewaltigungen von Gisèle Pelicot. Ihr damaliger Ehemann hatte sie über Jahre hinweg betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten.
Gisèle Pelicot hat sich entschieden, den Prozess öffentlich zu führen. Sie hat auf Anonymität verzichtet, damit sichtbar wird, was geschehen ist – und damit Verantwortung nicht länger verschoben werden kann.
In diesem Zusammenhang hat sie einen Satz gesagt, der weit über diesen Prozess hinaus Bedeutung hat: „Die Scham muss die Seite wechseln.“
Nicht die Betroffenen müssen sich schämen.
Sondern diejenigen, die Gewalt ausüben.
Die Macht missbrauchen.
Die Strukturen schützen, die so etwas ermöglichen.
Und genau deshalb brauchen wir Frauen in politischen Räumen.
Nicht als Ausnahme.
Nicht als Symbol.
Sondern als Selbstverständlichkeit.
Ich habe in meiner politischen Arbeit oft erlebt, dass Frauen sich besonders gut vorbereiten, besonders viel leisten, besonders sorgfältig argumentieren müssen, um ernst genommen zu werden.
Während Männer mit deutlich weniger Aufwand als selbstverständlich kompetent gelten und sich dafür auch oft selbst halten.
Auch das ist Teil von Machtverhältnissen.
Und ich stelle hier auch sehr bewusst die Frage: warum ist es auch bei Frauen noch immer so, dass sie zu oft Männer wählen? Dass bei denselben Argumenten, wenn Frauen und Männer sie vortragen, auch von Frauen die von Männern vorgetragenen eher angenommen, gehört und anerkannt werden?
Warum stabilisieren auch Frauen patriarchale Strukturen, indem sie einander besonders hart be- und verurteilen, bekämpfen?
Warum ist das so?
Ich erlebe aber auch genug Frauen, die Verantwortung übernehmen.
Die solidarisch miteinander sind. Die versuchen sich zu verstehen. Die Strukturen verändern wollen in schwesterlicher Verbundenheit.
Und ich erlebe eine Bündnisgrüne Partei, die Feminismus nicht als Randthema versteht – sondern als eins ihrer Kernthemen und als gesellschaftliches Kernthema.
Der Satz „Das Private ist politisch“ bedeutet letztendlich etwas sehr Grundsätzliches:
Unsere Erfahrungen sind nicht nebensächlich. Sie sind Teil politischer Realität.
Wenn Frauen weniger verdienen – ist das politisch.
Wenn Frauen mehr Sorgearbeit leisten – ist das politisch.
Wenn Frauen in medizinischen Systemen nicht ernst genommen werden – ist das politisch.
Wenn Frauen in politischen Räumen unterrepräsentiert sind – ist das politisch.
Wenn Diskriminierung Alltag ist – ist das politisch.
Und genau deshalb kämpfen wir weiter.
Für eine gerechte Verteilung von Macht.
Für echte Gleichstellung.
Für eine Demokratie, in der Frauen selbstverständlich mitentscheiden.
Dass Bündnis 90/Die Grünen diese politische Haltung haben: für uns Frauen sind mindestens 50 % der Macht – das hat mich auch zu dieser Partei gebracht. Und ich habe in den vielen Jahren politischer Arbeit, gerade hier in Sachsen, eine harte Schule durchlebt und ich habe viel darüber gelernt, wie diese Mechanismen des Patriarchats wirken, wie diese Strukturen funktionieren und sich auch reproduzieren.
Lasst uns Banden bilden – lasst uns wirklich mal richtig streiken, lasst uns laut Stopp sagen – lasst uns in Widerstand gehen. Lasst uns aussprechen, was tabuisiert ist.
Fordern wir ein, gehört, gesehen, gefragt, selbstverständlich mindestens genau so kompetent verstanden zu werden. Ziehen wir Kinder groß, die out of these boxes leben wollen, die diese Strukturen nicht immer wieder neu bestätigen. Und lasst uns echte Solidarität leben, nicht nur liken. Schätzen wir wert, was Frauen alles wuppen. Schaut mal nach links und nach rechts und sagt: „Ich sehe, was du leistest, und es ist großartig.“
Es ist an uns allen auch heute hier, für die Frauen, die diese Wege nach uns gehen, diese Wege frei zu halten, sie breiter zu machen und mit aller Kraft diese chauvinistischen Hindernisse ein für allemal dorthin zu rollen, wo sie nicht mehr zu einem Rollback fähig sind.
Ich möchte meine Rede heute beenden mit einem Zitat, das mich sehr lange schon in meinem Leben begleitet, weitergehen lässt und was ich euch mitgeben will. Es steht in der Bibel und ähnlich sagt es auch Ronja Räubertochter: „Warum soll ich mich fürchten?“ sagt Ronja; in der Bibel heißt es: „Fürchtet euch nicht.“ Ich fürchte mich nicht, denn meine Angst macht sie stark.
Fürchten wir uns zusammen nicht, dann können wir so vieles schaffen, was noch zu tun ist auf dem Weg zu echter Gleichstellung.
Jetzt erst recht!

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